Dank der geologischen Forschung und der Akzeptanz der Evolutionslehre wurde dieser Teil der Bibel inzwischen, zu mindest von den Großkirchen, in den Bereich der Legenden verwiesen. Außerdem wurde mehr oder weniger gleichzeitig der Inhalt der Bibel gegenüber naturwissenschaftlicher Kritik dadurch immunisiert, dass behauptet wird, die Bibel wolle kein naturkundliches Lehrbuch sein. Diese neue Behauptung ist natürlich wieder auch ein Glaubenssatz. Denn nach den unzweifelhaften Ergebnissen der Naturwissenschaften ist es sonnenklar, dass die Bibel kein naturkundliches Lehrbuch ist. Die Flucht nach vorn war dann die Behauptung, dass die Bibel das auch nicht habe sein wollen, und das muss man glauben. Trotzdem darf man wohl einwenden: wenn die Bibel auf einem Gebiet, dem der Naturbeschreibung, Unsinn redet, wieso soll man sich da auf die Richtigkeit der anderen, sog. Heilsdinge verlassen können?  Anders gesagt, warum ließ Gott trotz der von ihm gestifteten Offenbarung total falsche Naturvorstellungen durchgehen? Man verzeihe mir meine Naivität und mein mangelndes Verständnis des Begriffs der Offenbarung.

 

Die Fundamentalisten sind da konsequenter, sie nehmen die Bibel wörtlich einschließlich ihrer Naturbehauptungen. Nun ist es nicht so lange her, dass auch die Kirchen fundamentalistisch waren. Galileo wurde verfolgt, weil er das kopernikanische Weltbild verteidigte, das ja der heiligen Schrift zuwider läuft. Auch Martin Luther mokierte sich über Kopernikus: Gott ließ die Sonne still stehen zu Gibeon nicht die Erde (Josua 10:12,13). Außerdem wurde die Geschichte von Adam und Eva samt Sündenfall offenbar als Faktum verstanden, denn die katholische Kirche hat daraus die Theorie der Erbsünde abgeleitet. Sie besagt, dass alle Menschen mit dem Makel dieser Ursünde geboren werden und nur durch die Taufe davon reingewaschen werden können. Wenn also ein Neugeborenes stirbt bevor es getauft ist, schickt der liebe Gott es gleich in die ewige Verdammnis, die Gottesferne; so behauptet von dem heiligen Augustinus von Hippo (354-430). Was ist eigentlich nach der Entmythologisierung des Sündenfalls aus der Erbsünde geworden? Nun, der Begriff wurde nicht aufgegeben (s. kath. Katechismus 1993) aber der Grund ist nun so etwas wie die „universale Sündenverfallenheit”4) des Menschen, denn Adam und Eva funktionieren ja als Grund nicht mehr.

 

Wir wollen nun nicht die ganze Bibel durchkämmen und uns deshalb die Analyse der Sintflut, der Salzsäulenerstarrung von Lots Frau (es erinnert an „neugierig war des Schneiders Weib...“) und Ähnlichem schenken und gleich zu Moses fortschreiten. Da ist vor allem eine Geschichte etwas eigenartig. Gott befiehlt Moses zum Beweise seiner Sendung seinen Stab zur Schlange und wieder zum Stab werden zu lassen. Der Pharao ist zwar beeindruckt, lässt aber dann seine eigenen Magier kommen, und die zeigen ihm den gleichen Trick. (2. Moses 7:9-13) Die Frage stellt sich, wieso Gott Moses mit einem einfachen Zaubertrick ausstattet, der so bekannt war, dass er die Glaubwürdigkeit des Moses untergrub anstatt sie zu bestärken. Doch der unerforschliche Ratschluss Gottes wollte es so, denn er sprach schon vorher zu Moses, dass er das Herz des Pharao verhärten werde (2. Moses, 7:3), um seine Zeichen und Wunder im Lande Ägyptens zu mehren, wie es heißt.  Danach bricht dann eine Serie von Plagen über Ägypten herein, und jedes Mal hat der Pharao die Möglichkeit die Israeliten ziehen zu lassen, aber Javeh „verstockt sein Herz“ immer wieder und setzt die Szene für neue Plagen. Es beginnt mit der Rotfärbung des Nilwassers und einem Fischsterben, danach eine Froschplage, danach Stechmücken, dann Hundsfliegen, dann das Sterben allen Viehs, danach musste Moses Russ in die Luft werfen, um dadurch Geschwüre auf Menschen und dem (vorher bereits gestorbenen) Vieh herbeizaubern, dann wieder kam der nie dagewesene Hagel, daraufhin die Heuschrecken. Wieder wurde „das Herz des Pharao verstockt“ und die dreitägige ägyptische Finsternis war die Strafe, da auch diese, geplanter Weise, den Pharao nicht umstimmt, kommt nun die letzte Plage: das Töten der Erstgeburten aller Ägypter und ihres Viehs -- wieder einmal. Nun endlich dürfen die Israeliten ziehen (2. Moses 7:14 – 12:51). In der Folklore dieser Geschichte wird nicht klar, dass es nicht der Pharao ist, der den Auszug der Israeliten verzögert und dadurch die fürchterlichen Plagen über Ägypten kommen lässt, sondern Javeh, der Allmächtige, der seine Muskeln spielen lassen will.

 

Aber erstaunlicher und unglaublicher ist noch etwas anderes. Das Weltall ist nach neueren Kenntnissen so groß, dass das Licht, das etwa eine Sekunde braucht, um vom Mond zur Erde zu gelangen, mehrere Milliarden Jahre braucht um das Universum zu durchmessen. Der Durchmesser der Erde ist gerade etwa eine 25tel Lichtsekunden groß. Für unser folgendes Argument ist dieses unglaubliche Größenverhältnis wichtig. Um daher eine auch nur schwache Vorstellung von der eigentlich unvorstellbaren Größe des Universums zu bekommen, könnte sich der Leser zunächst einmal vergewissern, dass ein Jahr mit 365 * 24 * 3600 mehr als 30 Millionen Sekunden hat. Der uns nächste Fixstern, alpha centauri, ist mehr als vier Lichtjahre, d.h. nach der obigen Rechnung mehr als 140 millionen mal weiter von der Erde entfernt als unser Mond, und diese kaum vorstellbare Entfernung multipliziert mit 25.000 ist dann die Größe unserer Milchstraße. Wenn wir uns nun weiter vorstellen, dass unsere Milchstraße nur die Größe einer Untertasse hat, dann ist das Universum so groß wie eine Stadt.

 

Nun erwählt sich Gott, der Schöpfer dieses ungeheuer großen Weltalls, auf diesem, unseren völlig unscheinbaren Planeten, etwa vier milliarden Jahre nach dessen Erschaffung und etwa eine 200.000 Jahre nach dem Erscheinen des Menschen (Homo Sapiens), vor etwa 4000 Jahren ein vergleichsweise kleines Beduinenvolk als das seine.  Das wiederum kann man weder beweisen noch widerlegen, doch als gläubiger Jude, Christ oder Moslem soll man das glauben.

 

4) Georg Kraus in Christ in der Gegenwart 9/2001

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